Offene Beziehungen – kann das funktionieren?

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Promipaare machen es vor und behaupten, dass es hervorragend klappt. Die Rede ist von offenen Beziehungen. Bestimmt hat sich jeder, egal, ob in einer festen Beziehung lebend oder Single, die Frage gestellt, wie sich eine offene Beziehung überhaupt gestaltet und was das für die einzelnen Partner bedeutet.

Tatsächlich ist es oftmals so, dass gängige Beziehungsprobleme der Grund sind, etwas an der Beziehung zu ändern. In der Regel wird der Versuch unternommen, an den richtigen Stellschrauben zu drehen, um die Beziehung so wieder in Ordnung zu bringen. Klappt das zum wiederholten Male nicht, so endet in den meisten Fällen die Beziehung.
Ein Grund, der ebenfalls ziemlich oft angegeben wird, wenn eine feste Beziehung zu einer offenen umgewandelt wird, ist die Langeweile, die sich einfach nach vielen Jahren mit dem gleichen Partner einstellt.

Traurig ist, dass eine offene Beziehung hin und wieder nur eine Zwischenphase ist, bevor die Beziehung tatsächlich vollkommen in die Brüche geht. Oftmals bemerkt einer der Partner erst zu spät, wie es um die eigene Eifersucht bestellt ist. Dann wird plötzlich um den fast schon verloren geglaubten Partner gekämpft, worauf sich dieser eingeengt fühlt und den Kontakt abbricht. Es zeigt sich also deutlich, dass der Versuch, eine offene Beziehung zu starten, oftmals mit dem Scheitern der Beziehung gleichzusetzen ist.

Gibt es Möglichkeiten, die offene Beziehung erfolgreich zu gestalten?

Wichtig ist, dass es nicht zu einem Konkurrenzkampf kommen darf, während beide Partner in der offenen Beziehung miteinander leben. Schnell artet es sonst aus, was etwa dann passiert, wenn einer der beiden Partner verkrampft versucht, als erster einen sexuellen Partner zu finden. Ein wichtiges Element, das nur selten bedacht wird, ist das Umfeld. Geht es besonders liberal zu im Freundeskreis oder hat man sogar Freunde, die sich bereits erfolgreich auf dieses Abenteuer eingelassen haben, so stehen die Chancen weitaus besser, einen guten Gesprächspartner für das Thema zu finden.

Oftmals stellen gerade Männer ab einem gewissen Alter fest, dass sich die Suche nach dem passenden Partner gar nicht so einfach gestaltet. Zum Glück ist die Gesellschaft mittlerweile alternativen Möglichkeiten weitestgehend aufgeschlossen, sodass der Mann seine Chancen anderweitig steigern kann.
Die Mehrheit der Personen, die in einer festen Beziehung leben, halten nichts von einer offenen Beziehung und halten diese auch nicht für eine Möglichkeit, um eine kriselnde Beziehung zu retten. Vielmehr sehen sie es als die weitaus wichtigere Aufgabe an, die größten Beziehungskiller von Vornherein zu eliminieren.
Ein Element, an dem es zumeist scheitert, ist die Kommunikation. Werden Dinge voreinander verheimlicht oder traut sich einer der Partner nicht mehr das sagen, was er oder sie denken, so führt das zu weiteren Problemen schnell recht. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zur Rettung einer Beziehung, doch man muss auch sagen, dass es zumeist eine deutliche Veränderung eines oder beider Partner benötigt, um zum gewünschten Ziel zu kommen. Falsch ist es, dem Partner die Schuld an etwas zu geben, wofür man sich vielleicht am Ende sogar selbst verantwortlich zeigt.

Für klare Verhältnisse sorgen

Wagt man tatsächlich das Experiment der offenen Beziehung, so ist auch hierbei wieder die Kommunikation das entscheidende Element. Die Partner müssen sich ständig miteinander austauschen und es sofort anmerken, wenn sich etwas beim Empfinden ändert. Möchte einer der Partner die offene Beziehung abbrechen und wieder zurück zu einer geschlossenen, festen Beziehung wechseln, so muss der andere Partner diesem Wunsch nachkommen und diesen in jeder Hinsicht respektieren.
Es gibt Anzeichen für den Respekt innerhalb der Beziehung und auf diese sollte genau geachtet werden. Geht der Respekt vor dem Partner verloren, so muss der Sache möglich schnell auf den Grund gegangen werden. Ist der Respekt nämlich erst einmal weg, dann kommt es schnell dazu, dass einer der Partner verletzt wird, vielleicht sogar, ohne das Wissen und den Willen des Gegenübers.
Eine offene Beziehung bringt nicht die versprochene Besserung, so wie es oft in Filmen oder in Romanen dargestellt wird. Bevor sich Paare dazu entscheiden, dieses Experiment zu wagen, ist es besser, noch einmal einen Versuch einer Reparatur zu unternehmen. Es gibt viele hervorragende Beziehungstipps und gewiss ist etwas dabei, dass man wahrscheinlich noch nicht versucht hat.
Natürlich kostet das Kraft und in manchen Fällen, nach großen Fehlern, lässt sich eine Beziehung auch nicht mehr reparieren. Dann ist es allerdings das Beste, nach Vorn zu blicken und neu anzufangen. Neue Chancen ergeben sich immer wieder und jedem Anfang liegt bekannterweise ein Zauber inne.

Definitionssache und Abgrenzung: Polyamorie, Swinging oder offen?

Oftmals wird der Begriff der „offenen Beziehung“ als ein vager Sammelbegriff verwendet, doch für das Gelingen eines solchen Modells ist eine messerscharfe Definition unerlässlich. Es herrscht häufig Verwirrung darüber, was genau erlaubt ist und wo die Grenzen liegen, was unweigerlich zu Missverständnissen führt. Man muss differenzieren: Geht es rein um sexuelle Abwechslung ohne emotionale Bindung, wie es im klassischen Modell der offenen Beziehung meist der Fall ist? Oder bewegt man sich bereits in Richtung Polyamorie, bei der es explizit darum geht, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben und feste Bindungen mit ihnen einzugehen? Auch das „Swinging“, bei dem Paare gemeinsam sexuelle Abenteuer mit anderen erleben, ist eine völlig andere Kategorie als das getrennte Dating.

Die Gefahr liegt in der unausgesprochenen Erwartungshaltung. Wenn ein Partner unter „offen“ versteht, dass man einmal im Jahr einen One-Night-Stand haben darf, der andere Partner dies jedoch als Freifahrtschein für wöchentliche Dates und intensive Affären interpretiert, ist das Scheitern vorprogrammiert. Es erfordert ein hohes Maß an Introspektion, um herauszufinden, welches Modell eigentlich den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Geht es um die Kompensation eines Mangels in der Primärbeziehung – sei es sexuelle Unlust oder unterschiedliche Vorlieben – oder entspringt der Wunsch einem generellen Lebensgefühl von Freiheit? Wer diese Begriffe nicht sauber trennt und die Motivation nichtehrlich hinterfragt, wird feststellen, dass das Label „offene Beziehung“ kein Schutzschild gegen emotionale Verletzungen ist, sondern vielmehr ein Katalysator für latent vorhandene Konflikte. Nur wer genau benennen kann, was er sucht, kann auch Regeln aufstellen, die das fragile Konstrukt der Partnerschaft schützen.

Das Regelwerk: Vertragswerk der Liebe

Eine offene Beziehung ohne Regeln ist wie der Straßenverkehr ohne Signalanlagen: Ein Crash ist nur eine Frage der Zeit. Doch wie gestaltet man ein solches Regelwerk, das einerseits Freiheit gewährt, aber andererseits Sicherheit vermittelt? Viele Paare unterschätzen den Detaillierungsgrad, der hier notwendig ist.

Es reicht nicht zu sagen „Verhütung ist Pflicht“. Man muss Szenarien durchspielen, die unangenehm, aber realistisch sind. Darf im gemeinsamen Ehebett mit anderen geschlafen werden oder ist dieses Tabu? Sind Übernachtungen beim Außenpartner erlaubt oder muss man nachts nach Hause kommen, um dem Primärpartner Sicherheit zu signalisieren? Gibt es ein Vetorecht, wenn einem der Außenpartner unsympathisch ist oder man ein schlechtes Bauchgefühl hat?

Ein besonders kontroverser Punkt ist die Frage nach der Transparenz: Das Modell „Don’t ask, don’t tell“ (Frag nicht, sag nichts) scheint auf den ersten Blick verlockend, da es die Illusion der Monogamie aufrechterhält und Eifersucht vermeiden soll. In der Praxis führt dieses Schweigen jedoch oft zu einem massiven Vertrauensverlust und einem „Kopfkino“, das schlimmer ist als die Realität. Das Gegenmodell, die radikale Ehrlichkeit, erfordert hingegen ein extrem dickes Fell. Will man wirklich wissen, dass der Partner gerade den besten Sex seines Lebens hatte?

Erfolgreiche Paare in offenen Beziehungen verhandeln diese Verträge nicht einmalig, sondern betrachten sie als „lebende Dokumente“. Was im ersten Monat funktioniert, kann sich nach einem halben Jahr als emotionale Folter herausstellen. Die Fähigkeit, Regeln nachzujustieren, ohne dem Partner Vorwürfe zu machen, ist eine der wichtigsten Kompetenzen in diesem Beziehungsmodell. Es geht nicht darum, den anderen zu kontrollieren, sondern darum, Zonen der Sicherheit zu schaffen, in denen sich beide wohlfühlen können.

Der Elefant im Raum: Umgang mit Eifersucht und Selbstwert

Selbst die liberalsten Menschen sind vor ihr nicht gefeit: die Eifersucht. In einer offenen Beziehung wird dieses Gefühl nicht eliminiert, sondern man wird frontal damit konfrontiert. Doch Eifersucht ist selten das primäre Gefühl; sie ist oft nur ein Symptom, ein Deckmantel für tiefere Ängste wie Verlustangst, Minderwertigkeitsgefühle oder Angst vor dem Verlassenwerden. In einer monogamen Beziehung kann man diese Ängste oft durch die Exklusivität beruhigen („Er/Sie ist nur bei mir, also bin ich gut genug“). In einer offenen Beziehung fällt diese Krücke weg. Man muss sich der brutalen Frage stellen: Bin ich mir meines eigenen Wertes sicher, auch wenn mein Partner jemand anderen begehrt?

Hier kommt ein Konzept ins Spiel, das in monogamen Kreisen kaum bekannt ist: „Compersion“ (oft als „Mitfreude“ übersetzt). Es beschreibt das Gefühl der Freude, die man empfindet, wenn der Partner Freude oder Lust mit einer anderen Person erlebt – ähnlich wie man sich freut, wenn der Partner ein Hobby genießt, das man selbst nicht teilt. Compersion ist jedoch kein Schalter, den man einfach umlegt. Es ist harte emotionale Arbeit.

Es bedeutet, das eigene Ego zurückzunehmen und zu akzeptieren, dass man nicht die alleinige Quelle für das Glück des anderen sein muss (und auch nicht sein kann). Scheitert ein Paar an der offenen Beziehung, liegt es oft daran, dass einer der Partner seinen Selbstwert zu stark an die sexuelle Exklusivität geknüpft hat. Wenn der Partner „draußen“ Erfolg hat, fühlt man sich selbst als Verlierer. Dieser Konkurrenzdruck ist Gift. Die Arbeit an der eigenen psychischen Stabilität und Unabhängigkeit ist daher zwingende Voraussetzung. Wer den Partner braucht, um sich „ganz“ zu fühlen, wird in einer offenen Beziehung vermutlich zerbrechen.

Ressourcenmanagement: Zeit, Geld und emotionale Kapazität

Ein Aspekt, der in der romantischen oder erotischen Vorstellung einer offenen Beziehung fast immer vergessen wird, ist die Logistik. Liebe und Sex benötigen Ressourcen, und die knappste Ressource von allen ist Zeit. Wer bereits einen Vollzeitjob, Hobbys, Freunde und vielleicht sogar Kinder hat, wird schnell merken, dass das Daten von neuen Partnern extrem zeitaufwendig ist. Dating-Apps scannen, Chats führen, erste Treffen organisieren, Intimität aufbauen – das alles frisst Stunden der Woche. Woher kommt diese Zeit? Oft wird sie unbewusst von der „Quality Time“ der Primärbeziehung abgezwackt, was wiederum zu Vernachlässigung und Konflikten führt.

Hinzu kommt die emotionale Kapazität. Jeder Mensch hat nur ein begrenztes Maß an emotionaler Energie. Wer frisch verliebt ist oder eine intensive Affäre pflegt, erlebt die sogenannte „New Relationship Energy“ (NRE). Dieser Hormoncocktail sorgt für Hochgefühle, führt aber oft dazu, dass der langjährige Partner als langweilig oder belastend wahrgenommen wird. Es erfordert eine enorme Disziplin, diese Energie nicht nur in den neuen Flirt zu stecken, sondern bewusst in die bestehende Beziehung zu reinvestieren.

Auch finanzielle Aspekte sind nicht zu unterschätzen: Hotelzimmer, Abendessen, Ausflüge – eine offene Beziehung kann schlichtweg teuer sein. Streitigkeiten darüber, wie viel Haushaltsgeld für Dates mit anderen ausgegeben werden darf, sind keine Seltenheit und wirken oft sehr ernüchternd auf die anfängliche Euphorie. Das Management einer offenen Beziehung ähnelt daher oft eher dem Projektmanagement eines kleinen Unternehmens als einer wilden Romanze. Organisationstalent und Kalender-Synchronisation werden plötzlich zu den wichtigsten Liebesbeweisen.

Das Stigma und die soziale Realität

Selbst wenn intern alles geklärt ist, Regeln stehen und die Eifersucht im Griff ist, wartet draußen die nächste Hürde: die Gesellschaft. Wir leben zwar in modernen Zeiten, doch die normative Kraft der Monogamie ist gewaltig. Ein Paar, das sich entscheidet, die Beziehung zu öffnen, muss sich überlegen, wie offen es damit nach außen geht. Wissen die Eltern Bescheid? Die Arbeitskollegen? Die Kinder? Gerade wenn Kinder im Spiel sind, wird das Thema hochsensibel.

Es besteht die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung oder davor, dass andere Eltern den Kontakt verbieten, weil sie das Lebensmodell als „unmoralisch“ oder „schädlich“ empfinden. Dies führt oft dazu, dass Paare in offenen Beziehungen ein Doppelleben führen müssen. Diese Geheimhaltung kann wiederum Druck auf die Beziehung ausüben. Man kann nicht offen über das Wochenende mit dem neuen Liebhaber sprechen, muss Ausreden erfinden und lebt in ständiger Sorge, „entdeckt“ zu werden.

Zudem wird das Umfeld – sollten sie eingeweiht sein – bei jedem normalen Beziehungskrach sofort die offene Beziehung als Ursache beschuldigen. „Das musste ja so kommen“, heißt es dann schnell, selbst wenn der Streit nur um den Abwasch ging. Die offene Beziehung wird von Außenstehenden oft pathologisiert, als Krankheit der Beziehung angesehen, statt als validem Lebensentwurf. Man braucht also nicht nur ein starkes Fundament innerhalb der Partnerschaft, sondern auch ein dickes Fell gegenüber der Außenwelt. Zusammenfassend lässt sich sagen:

Eine offene Beziehung ist keine „Beziehung light“ oder ein einfacher Ausweg aus der Langeweile. Sie ist Beziehung für Fortgeschrittene. Sie erfordert mehr Kommunikation, mehr Ehrlichkeit, mehr Organisation und mehr emotionale Stabilität als die klassische Monogamie. Wer glaubt, damit Probleme lösen zu können, wird scheitern. Wer sie jedoch als Erweiterung einer bereits glücklichen, stabilen und vertrauensvollen Partnerschaft sieht und bereit ist, die Arbeit zu investieren, für den kann sie tatsächlich funktionieren.


Was ich für dich tun kann

Falls du diesen Text für einen Blog, ein Magazin oder einen Vortrag verwenden möchtest, kann ich dir gerne noch passende Social Media Teaser oder Kernfragen zur Selbstreflexion (als Checkliste für Paare) erstellen, um das Thema für dein Publikum interaktiv aufzubereiten. Soll ich das machen?

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